Schloßkapelle Lichtenwalde

 

Ebenfalls zur Stiftskirchgemeinde gehörig ist die Predigtstätte in der Schloßkapelle Lichtenwalde. Am Ostermontag, dem 24.03.2008, fand die Wiedereinweihung nach umfangreicher Restaurierung statt. An dieser Stelle soll ein historischer Rückblick auf die lange und sehr bewegte Geschichte dieses Hauses erfolgen.

 

Bereits vor nunmehr fast 800 Jahren, also um 1220, wurde hier nicht nur eine Burg, sondern auch diese Kapelle errichtet. Von 1363 bis 1438 besaßen die Ritter von Honsberg das Patronatsrecht auf Lichtenwalde. Danach folgte Vitzthum Apel von Rossla und schließlich wurden 1447 die Ritter von Harras mit Lichtenwalde belehnt. Im Sächsischen Bruderkrieg wurde im Jahre 1450 die Burg Lichtenwalde niedergebrannt – und im Anschluss wieder neu aufgebaut. 1455 erfolgte die Dankwallfahrt des sächsischen Kurfürsten Friedrich der Sanftmütige und seiner Gemahlin nach der glücklichen Errettung der beiden Prinzensöhne Ernst und Albrecht in die Ebersdorfer Stiftskirche. All diese Ereignisse fielen also in die „Harraszeit“ hinein. Der Ritter Dietrich von Harras, mit dem Beinamen „Der kühne Springer“, ist ja vielen Chemnitzern durch die beeindruckende „Harras-Sage“ bekannt. Weniger bekannt ist, dass Dietrich von Harras einen Bruder, Otto von Harras, hatte, der als Pfarrer zwischen 1475 und 1484 in der Stiftskirche zu Ebersdorf amtierte und später das Amt eines Dompropstes zu Nordhausen und schließlich eines Domherrn zu Meißen innehatte. 1495 wurde von den Brüdern Dietrich und Otto von Harras diese Kapelle umfassend erneuert und erfuhr auch sicherlich eine bauliche Veränderung.

 

1537 wurde in der Herrschaft Lichtenwalde und in den Nachbarorten die Reformation eingeführt. Bereits ein Jahr später, 1538, amtierte in Ebersdorf der erste evangelische Pfarrer, Gregorius Göltzsch. Nach dem Tod des letzten Harras auf Lichtenwalde fiel der Besitz an das Kurfürstenhaus zurück. Von 1620 bis 1622 erfuhr unsere Kapelle eine weitere Erneuerung und erhielt bei dieser Gelegenheit auch einen Dachreiter. Seit dieser Zeit wurden hier regelmäßig Gottesdienste abgehalten und das nicht nur für die Herrschaft zu Lichtenwalde, sondern auch für die ansässige Bevölkerung. Die damalige Burgkapelle was also schon immer Dorfkirche.

 

1694 erwarb Heinrich von Bünau Lichtenwalde im Tausch gegen Pillnitz. 1722 kaufte Christoph Heinrich Graf von Watzdorf die Herrschaft Lichtenwalde und ließ die alte Burg bis auf die aus dem 13. Jh. stammende Kapelle abreißen. Auf dem Gelände der alten Ritterburg ließ er ein dreiflügeliges Barockschloß errichten. Seine Schwiegertochter, Sophie Henriette Gräfin von Watzdorf, geb. Vitzthum von Eckstädt, stiftete im Jahre 1741 die von Johann Christoph Gottlob Donati aus Glauchau gebaute Orgel für die Schloßkapelle! Die herrschaftliche Loge an der Westseite zeigt noch heute das Allianzwappen des ersten Majoratsherrn Ludwig Siegfried Graf Vitzthum.

 

Das wieder aufgestellte silberne Altarkruzifix ist übrigens ein Erinnerungsgeschenk von Gräfin und Graf Gotthold Vitzthum anlässlich ihrer Vermählung im Jahre 1887. Dieses Kruzifix hat somit wieder einen angestammten Platz gefunden. (Stellmachermeister Rolf Enge aus Glösa sei Dank, er hat es freundlicherweise kostenlos restauriert!).

 

Ein tragisches Unglück ereignete sich am 1. Mai des Jahres 1905, damals fiel das Barockschloß einer Feuersbrunst zum Opfer. Glücklicherweise blieb der älteste Teil des Schlosses, die Schloßkapelle, von diesem Brand weitestgehend verschont. Anschließend wurde das Barockschloß wieder aufgebaut – und weil die Schloßkapelle keine Glocke besaß, läutete bis zu ihrer Ablieferung im Zweiten Weltkrieg eine Glocke vom Dachreiter des Schlosses (über dem Hauptportal) die gottesdienstlichen Feiern ein.

 

Ebersdorf und Lichtenwalde bildeten also seit jeher einen Kirchgemeindebereich. Die Lichtenwalder Herrschaften waren die Patronatsherren der Stiftskirche und die Geistlichen der Stiftskirche, die sogenannten Stiftspfarrer, waren gleichzeitig Schloßprediger zu Lichtenwalde. Die Gottesdienste fanden seit jeher zweimal monatlich statt und waren immer gut besucht, wie Augenzeugen berichteten. Hier wurde getauft, konfirmiert und geheiratet. Auch Ostern, Pfingsten, Erntedank und Weihnachten wurde hier gefeiert. Die älteren Lichtenwalder erinnern sich noch lebhaft an die Christvespern. Bis 1944 bereitete die Reichsgräfin Sybilla jährlich den Kindern von Lichtenwalde eine Freude, denn nach den Christvespern wurde im Schloß beschert.

 

Der Zweite Weltkrieg, der von Deutschland ausging, kehrte mit voller Wucht nach Deutschland zurück. So wurde das Schloß am 13. Juli 1945 von der Roten Armee beschlagnahmt. Es wurde geplündert und zerstört. Auch unsere Schloßkapelle blieb nicht verschont. So wurde das Altarbild zerstört und die kostbare Donati-Orgel zerschlagen, so dass sie nicht mehr bespielbar war. Die Gottesdienste fanden in dieser Zeit in der Friedhofskapelle statt. Nach der Übergabe des Schlosses an deutsche Behörden fand unter großen Schwierigkeiten eine notdürftige Renovierung der Schloßkapelle statt. Am 3. Oktober 1948 wurde sie wieder für gottesdienstliche Zwecke geweiht.

 

Während das Gemälde mit der Darstellung des Heiligen Abendmahles erhalten geblieben ist (heute unter der seitlichen Empore zu sehen), war das Altarbild mit einer Christusdarstellung zerstört. Für den leeren Rahmen stiftete 1949 Sibylla Gräfin Vitzthum als Vertreterin der ehemaligen Patronatsfamilie das neue Altarbild mit der Darstellung der Weihnachtsgeschichte (heute unter der gräflichen Empore zu sehen).

 

Die kelchförmige Taufe mit Deckel als Lesepult kam 1949 als Dauerleihgabe des Chemnitzer Geschichtsvereins aus dem Schloßbergmuseum Chemnitz in die Schloßkapelle Lichtenwalde. (Auch diese wurde vollständig restauriert.) Da die Donati-Orgel damals unspielbar war, schaffte man ein Harmonium zur gottesdienstlichen Begleitung an. 1960 entschied der Ebersdorfer Kirchenvorstand, die Überreste der Donati-Orgel vom Rat des Kreises Flöha für die Stiftskirche abzukaufen. Die Umsetzung 1961 in die Stiftskirche Ebersdorf übernahm die Fa. Hermann Eule Orgelbau Bautzen und restaurierte sie aufwändig. Schon zu dieser Zeit protokollierte der Ebersdorfer Kirchenvorstand, dass die Orgel an ihren ursprünglich Ort zurückkehren wird, falls die Schloßkapelle irgendwann mal restauriert werden sollte.

 

Trotz umfangreicher Bemühungen für den Erhalt der Schloßkapelle durch die damalige Schloßverwalterin, Frau Förster, war an eine Renovierung bzw. Restaurierung dieses sakralen Kleinods nicht zu denken. Ein kleiner, treuer Gemeindeüberrest feierte hier weiterhin Gottesdienst und überlebte die Wende.

 

Als Pfarrer Horst Oertel 1990 seinen Dienst in Ebersdorf und Lichtenwalde antrat, bot die Schloßkapelle einen traurigen Eindruck -  finster, verrußt, der Putz fiel von der Decke. Nach der Wende wurde das Barockschloß samt Schloßkapelle an den Freistaat Sachsen verkauft. Nach dem Verkauf war nun Hoffnung angesagt, und es geschah auch viel Sichtbares. Durch die Zusammenarbeit der Sächsischen Staatsregierung, der Denkmalpflege, der Bauplaner und der verschiedenen Baugewerke ist aus der einst verkommenen Kapelle wieder ein sakrales Schmuckstück entstanden. So konnte am Ostermontag, dem 24. März 2008, die Schloßkapelle wiedergeweiht werden, aber noch ohne Orgel.

 

Gemäß Kaufvertrag vom Juni 2008 zwischen Land Sachsen und der Stiftskirchgemeinde wurde die Donati-Orgel 2009 wieder in der sanierten Schloßkapelle Lichtenwalde aufgestellt. Dort erfolgte dann Restaurierung und Rückbau in den ursprünglichen Zustand. Die Arbeiten wurden von der Firma Vogtländischer Orgelbau Thomas Wolf, Limbach bei Reichenbach, ausgeführt. Zunächst war sie nur eingeschränkt bis Januar 2012 benutzbar, wurde dann noch einmal ausgebaut, um den barocken Klang wieder herzustellen. Die feierliche Orgel-Wiedereinweihung fand am 10. Juni 2012 statt. Die heutige Disposition entspricht weitgehend dem Original. Auf 2 Manualen und Pedal sind folgende 13 klingende Register vorhanden:

 

Hauptwerk C, D – c3

 

Gedeckt 8’

Prinzipal 4’ (im Prospekt)

Quinte 3’

Oktave 2’

Sesquialtera 2-fach

Mixtur 3-fach

 

Hinterwerk C, D – c3

 

Quintadena 8’

Viola da Gamba 8’

Gedacktflöte 4’

Traversflöte 4’

Sifflöte 1’

Pedal C, D – c1

 

Subbass 16’

Oktavbass 8’

 

Nebenzüge der Orgel sind Manualschiebekoppel, Pedalkoppel, Tremulant und Zimbelstern. Spiel- und Registertraktur sind rein mechanisch, Stimmtonhöhe a1 = 478 Hz bei 15o.. Insgesamt sind 720 Pfeifen vorhanden.

 

An dieser Stelle sei allen gedankt, die entschieden haben, die Kapelle zu restaurieren und zu erneuern, finanzielle Mittel bewilligt haben, Planern und vielen anderen, die zur Ausführung beigetragen haben, den Fachleuten  der Denkmalpflege sowie den vielen anderen Mitarbeitern, die hier tätig waren. Dank auch an Herrn Brühl, der aus seiner Kunstsammlung ein Altarbild stiftete, das dem Bild vor 1945 eine gewisse Ähnlichkeit aufweist. Während der Restaurierungs- und Erneuerungsarbeiten fanden die Gottesdienste in der Orangerie statt. Heute dient die Schloßkapelle nicht nur als Sammelpunkt der Gemeinde zum Gottesdienst, der einmal je Monat um 10:30 Uhr gehalten wird, sondern auch als touristischer Anlaufpunkt, Traukirche sowie Ort für Konzerte u. a.

 

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